Saison 26/27

Analyse · 28. Juli 2026

Warum wir nach 90 Minuten abrechnen — auch wenn es wehtut

Das WM-Finale 2026 ist das teuerste Beispiel unserer eigenen Wertungsregel: Unsere Tendenz lautete Spanien, der Ergebnis-Tipp 1:0. Nach 90 Minuten stand es 0:0 — und so steht der Tendenz-Tipp als Fehltipp in unserer Bilanz, obwohl Spanien den Titel nach den 90 Minuten noch holte. Hätten wir die Verlängerung mitgezählt, hätten wir uns den Treffer im wichtigsten Spiel des Turniers gutschreiben können. Wir tun es nicht. Hier steht, warum.

Eine Wertung, die man sich aussuchen kann, ist keine

Wer Trefferquoten veröffentlicht, muss vorher festlegen, was „richtig“ heißt — und zwar bevor er weiß, wie es ausgeht. Sobald man je nach Spiel entscheiden kann, ob die 90 Minuten oder der Endstand nach Verlängerung zählen, wird jede Quote weich: Man greift, bewusst oder unbewusst, zur Lesart, die besser aussieht. Unsere Regel ist deshalb seit dem ersten Turniertag fest verdrahtet: Gewertet wird der Stand nach 90 Minuten. Immer. Auch gegen uns.

Warum ausgerechnet 90 Minuten?

Erstens: So rechnet die Welt ab, an der wir uns messen. Tippspiele werten die reguläre Spielzeit, und auch die Quoten der Wettmärkte, mit denen unser Modell sich vergleicht, beziehen sich auf 90 Minuten. Eine Prognose, die anders gewertet wird als das, wogegen sie antritt, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Zweitens: Vergleichbarkeit über das ganze Turnier. In der Gruppenphase gibt es keine Verlängerung — wer in der K.-o.-Runde plötzlich den Verlängerungs-Endstand zählt, wertet dieselbe Kennzahl in zwei Turnierhälften nach zwei verschiedenen Regeln. Die Gesamtquote, die dabei herauskommt, ist keine Zahl mehr, sondern eine Mischung.

Drittens: Die Verlängerung ist ein anderes Spiel. Unser Modell prognostiziert 90 Minuten Fußball — Tor-Raten, Spielstärke, Heimvorteil. Was nach der 90. Minute passiert, folgt anderen Gesetzen: müde Beine, Wechsel-Roulette, am Ende oft das Elfmeterschießen, das näher am Münzwurf liegt als an allem, was ein Poisson-Modell abbildet. Einen 90-Minuten-Tipp am Verlängerungs-Ausgang zu messen hieße, das Modell für etwas zu belohnen oder zu bestrafen, das es nie prognostiziert hat.

Was das praktisch bedeutet

In unserer Bilanz ist jedes K.-o.-Spiel mit dem 90-Minuten-Stand abgerechnet; Verlängerung und Elfmeterschießen stehen als Notiz dabei, zählen aber nicht. Das kostet uns sichtbar Treffer — das Finale ist der Beweis — und genau deshalb ist die Quote, die übrig bleibt, belastbar. Beim Vergleich verschiedener Prognose-Anbieter lohnt darum immer ein Blick ins Kleingedruckte: Turnier-Trefferquoten, die Verlängerungs-Ergebnisse mitzählen, sind systematisch nicht mit 90-Minuten-Quoten vergleichbar — in keine Richtung.

Eine Trefferquote ist nur so ehrlich wie ihre Wertungsregel. Unsere steht fest, bevor der Ball rollt — und sie hat uns im Finale einen Treffer gekostet, den wir gern gehabt hätten.

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