Nations League · 3. Oktober 2026
Kroatien gegen England: Geisterspiel in Rijeka, Favorit ist klar
Rijeka ohne Lärm. Für Kroatien ist das ungefähr so, als würdest du einem Boxer vor dem Kampf die Handschuhe zu klein schnüren. Die Rujevica ist ein enges, kleines Stadion. Genau dort werden die Vatreni normalerweise unangenehm, weil die Ränge gefühlt auf dem Rasen stehen. Am Samstag um 18 Uhr bleiben die Ränge aber weitgehend leer, und das ist für mich der wichtigste Satz dieser Vorschau.
Meine These: Für England kann ein Auswärtsspiel in Kroatien kaum günstiger angesetzt sein. Die Prorakel-Engine sieht das ähnlich. 54 % für England, 25 % Remis, 21 % für Kroatien. Ein Kantersieg ist da nicht vorgezeichnet. Trotzdem ist es eine solide Tendenz, und 29 Prozentpunkte Abstand zwischen einem englischen Sieg und dem Unentschieden sind ein ordentliches Polster.
Warum in Rijeka die Kinder jubeln dürfen
Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Im Viertelfinale der Nations League gegen Frankreich im März 2025 gab es Ärger auf den Rängen. Die UEFA hat Kroatien deshalb ein Heimspiel ohne Zuschauer aufgebrummt, und es trifft ausgerechnet dieses. Ganz still wird es trotzdem nicht. Eine Sonderregel erlaubt Tausenden Schulkindern aus der Region den Besuch, und über den offiziellen Fanclub dürfen 100 englische Anhänger ins Stadion. Das ist eher Schulausflug als Hexenkessel.
Ein Déjà-vu ist es obendrein. Schon 2018 spielten beide Teams in genau diesem Stadion ohne Publikum, damals wegen eines Hakenkreuzes, das vor einer früheren EM-Qualifikationspartie ins Rasen gezeichnet worden war. Das Spiel endete 0:0. Wer jetzt sagt „siehste, leere Ränge heißt Nullnummer", dem halte ich entgegen: Diese englische Offensive ist eine andere als die von damals.
Ein Sommer, der noch nachhallt
Wenn du dich an die WM erinnerst, weißt du, warum England mit breiter Brust anreist. Zum Gruppenauftakt gab es ein 4:2 gegen Kroatien, und Jude Bellingham traf nach einem dieser Läufe, bei denen eine Abwehrkette plötzlich ganz alt aussieht. England kam danach bis ins Halbfinale und verlor dort erst spät gegen Argentinien. Das tat weh, aber es war ein Turnier auf Augenhöhe mit den Besten.
Kroatien flog dagegen schon in der ersten K.-o.-Runde gegen Portugal raus. Zlatko Dalić hörte nach neun Jahren auf, und der Verband holte Slaven Bilić zurück, der die Mannschaft schon von 2006 bis 2012 trainiert hatte. Ein Neuanfang mit einem alten Bekannten, das hat viel Nostalgie und wenig Risiko. Ob es auch genug Erneuerung ist? Da habe ich meine Zweifel.
Gleiche Punkte, ganz andere Geschichten
Ein Blick auf die Tabelle der Gruppe A3 täuscht. Beide Teams haben nach zwei Spieltagen drei Punkte, beide haben gegen Weltmeister Spanien verloren und beide in Prag gegen Tschechien gewonnen. Das sieht gleich aus, ist es aber nicht.
England verlor an der Wembley 2:3 gegen Spanien, ein enges Spiel, das genauso gut hätte kippen können. Kroatien ging in Sevilla mit 1:4 unter, Lamine Yamal traf doppelt. Dion Beljo gelang zwar zwischendurch per Kopf der Ausgleich, aber als Spanien aufs Gas drückte, lief die kroatische Hintermannschaft nur noch hinterher.
In Prag sieht es ähnlich aus. England gewann souverän 2:0, Anthony Gordon und Harry Kane trafen. Gordon und Kane haben damit in beiden Nations-League-Spielen geknipst. Kroatien musste in Tschechien deutlich mehr kämpfen. Luka Modrić traf zum 1:0, nach dem Ausgleich köpfte der eingewechselte Marco Pašalić den Siegtreffer. Ein schöner Abend, aber kein Beweis für Stabilität.
Der 41-Jährige und das Problem im Sechser-Raum
Modrić ist inzwischen 41, und es gibt wenig Schöneres im europäischen Fußball, als ihm beim Pässe-Verteilen zuzusehen. In Sevilla bekam er eine Pause, gegen England ist er wieder dabei. Bilić hat ohnehin gute Nachrichten verkündet. Die Virusinfekte, die vor dem Spanien-Spiel durch die Mannschaft gingen, sind vorbei, und alle trainieren wieder. Josip Stanišić kann wieder spielen. Der Bayern-Verteidiger kennt Thomas Tuchel aus gemeinsamen Münchner Zeiten und dürfte ziemlich genau wissen, was auf ihn zukommt. Auch Martin Baturina hat seinen Infekt auskuriert. Weiter fehlen Martin Erlić und Josip Juranović.
Mein Problem mit Kroatien ist trotzdem das Mittelfeld. Im Sommer hast du gesehen, was passiert, wenn Englands Zentrale Tempo und Körper ins Spiel bringt. Modrić und Mateo Kovačić können einen Rhythmus verwalten, aber ein Gegenpressing über 90 Minuten wegzuspielen, ist eine andere Aufgabe. Wenn Saka und Gordon außen Tempo machen und Kane sich zurückfallen lässt, wird es für die kroatische Viererkette eine lange Nacht. Bilić weiß das und betont, dass seine Mannschaft gegen große Gegner kompakt stehen und füreinander arbeiten muss. Das stimmt, und es klingt nach einem Abend mit viel Laufarbeit und wenig Ballbesitz.
Englands Sorgen sind Luxusprobleme
Ganz ohne Baustellen reist England nicht an, aber man muss schon suchen. Nico O'Reilly hat sich verletzt und ist zurück zu Manchester City gereist, also dürfte Lewis Hall nach seinem guten Auftritt in Prag links bleiben. Ezri Konsa saß dort mit einer kleinen Blessur draußen. Bellingham kam in Tschechien nur von der Bank und hatte danach leichte Beschwerden, Tuchel hofft aber, dass es nichts Ernstes ist. Im Tor ist Jordan Pickford an der Reihe, nachdem James Trafford die ersten beiden Spiele bestritten hat. Tuchel hatte diese Aufteilung vorher angekündigt. Gesperrt ist niemand.
Ganz ehrlich: Kroatien würde sich über solche Probleme freuen.
Was die Datenlage hergibt
Die Einstufung spricht klar für die Gäste. England kommt auf 1846, Kroatien auf 1726. Die Prorakel-Engine erwartet 1,1 zu 2,0 Tore und hält 1:2 für das wahrscheinlichste Ergebnis. Das passt zu dem, was beide Teams bisher in der Gruppe gezeigt haben: Kroatien trifft, aber England trifft öfter.
Die Staerkste Ansage der Engine lautet „Remis o. England (79 %)". Kroatien kommt also in vier von fünf Fällen nicht zum Sieg. Das passt zu meinem Bauchgefühl, und mit dem Bauchgefühl liege ich nicht immer richtig. Bei den Toren ist die Engine ähnlich eindeutig: Über 1,5 Tore liegt bei 81 %. Eine Nullnummer wie 2018 hält sie für unwahrscheinlich, und ich auch. Beide Mannschaften haben in dieser Gruppe hinten Schwächen gezeigt, und beide haben vorne Spieler, die so etwas ausnutzen.
Die 21 % für Kroatien solltest du trotzdem nicht wegwischen. Mit Modrić in der Startelf, einem eingespielten Kern und einem Trainer, der weiß, wie man aus der Rolle des Außenseiters etwas macht, ist ein Heimsieg drin. Ein Treffer nach einer Standardsituation, dazu ein englischer Abend, an dem vorne nichts zusammenläuft, und schon schreibt Bilić die nächste Geschichte. Wahrscheinlich ist das aber nicht.
Ein kleiner Hinweis in eigener Sache: In der Nations League liegt die Prorakel-Engine bei 63 % getroffener Tendenzen (n=70). Das ist ordentlich, aber keine Garantie, schon gar nicht in einem Wettbewerb, in dem Trainer gern mal rotieren.
Ein Abend für die Stillen
Wenn du in deiner Tipprunde nach einem Anhaltspunkt suchst: Die Datenlage spricht für England, und zwar deutlich. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ohne die übliche Wand aus Lärm fehlt Kroatien genau das, was Spiele gegen bessere Gegner sonst manchmal kippen lässt. Dann bleibt am Ende fast nur die Qualität auf dem Rasen übrig, und da ist England derzeit einen Schritt voraus.
Vielleicht schreiben ein paar Tausend Schulkinder trotzdem ein kleines Märchen. Kann Modrić mit 41 ein Spiel noch alleine drehen, wenn ihm niemand die Atmosphäre dafür liefert?
Und trotzdem: Auch ein Orakel kennt seine Grenzen.
Die Prognose zu dieser Partie im Detail
Wahrscheinlichkeiten, Formkurven und die stärkste Ansage — direkt auf der Spielkarte der Prorakel-Engine.