DFB-Pokal · 27. Oktober 2026
Rot-Weiss Essen ohne Neuner, RB Leipzig ohne Auswärtssieg
Dienstagabend an der Hafenstraße, Flutlicht, Pokal. Und Rot-Weiss Essen hat keinen einzigen gelernten Mittelstürmer mehr fit. Semir Telalovic fehlt, Jaka Cuber Potocnik fehlt, und Marek Janssen konnte am Montag wegen starker Rückenschmerzen nicht einmal trainieren. Der Gegner heißt RB Leipzig und spielt in der Champions League. Ganz ehrlich, es gibt dankbarere Wochen, um Trainer in Essen zu sein.
Die Prorakel-Engine hat dazu eine klare Meinung: 78 Prozent für Leipzig, 13 Prozent für ein Remis nach 90 Minuten und 8 Prozent für Essen. Das ist kein vorsichtiges Abwägen, das ist eine Ansage. Die Ergebnis-Prognose lautet 0:2, und ich sehe wenig, was dagegen spricht. Ein bisschen etwas schon, dazu gleich mehr.
Zwei Minuten Rausch, dann vier Gegentore
Diese Paarung gab es schon einmal, fast an gleicher Stelle. Im August 2024 traf Ramien Safi für Essen bereits nach zwei Minuten zum 1:0, die Hafenstraße war außer sich. Danach drehten Benjamin Šeško, Loïs Openda, Antonio Nusa und Xavi die Partie zum 4:1 für Leipzig. Mehr musst du über solche Abende eigentlich nicht wissen: Träumen darf der Außenseiter, aber nicht zwei Minuten lang, sondern neunzig.
Auch das gehört dazu: RB gewinnt im Pokal gegen unterklassige Gegner seit Jahren einfach. Ohne Ausrutscher, ohne Pannen in kleinen Stadien. Für einen Klub, dem man gerne mangelnde Pokaltradition vorwirft, ist das eine ziemlich traditionelle Stärke.
Dass Essen überhaupt wieder in dieser Lage ist, hat sich der Klub aber verdient. In der ersten Runde flog Zweitligist FC St. Pauli mit 0:2 von der Hafenstraße. In der 3. Liga gehört RWE zur Spitzengruppe, zuletzt gab es ein 1:0 gegen Jahn Regensburg. Aus den letzten fünf Pflichtspielen holte Essen 8 Punkte bei 7:5 Toren, darunter ein wildes 3:3 in Münster und eine 0:1-Pleite in Ingolstadt. Das ist ordentlich, aber kein Sturmlauf. Und das war noch die Bilanz mit Stürmern.
Acht Ausfälle und ein Trainer, der von einer Chance spricht
Die Verletztenliste liest sich inzwischen wie ein halber Spieltagskader. Max Geschwill, Tony Menzel, Aiman Dardari, Marvin Obuz, Telalovic und Cuber Potocnik fallen aus. Nick Bätzner ist noch nicht wieder bei hundert Prozent und soll geschont werden, dazu kommt das große Fragezeichen hinter Janssen. Wenn er nicht spielen kann, hat Essen nur noch drei etablierte Feldspieler auf der Bank. Vier Spiele in 16 Tagen machen das nicht besser, so etwas wie Rotation ist an der Hafenstraße gerade ein Fremdwort.
Uwe Koschinat verkauft das trotzdem als Riesenchance für alle, die sonst draußen sitzen. Klar, was soll er auch sonst sagen. Fällt Janssen aus, soll Dickson Abiama ins Sturmzentrum rücken. Weil auf den offensiven Außenbahnen dann kaum noch jemand übrig ist, könnten sogar beide Rechtsverteidiger gleichzeitig auflaufen: Michael Kostka eher defensiv, Jannik Hofmann eher offensiv. Immerhin kehrt Linksverteidiger Franci Bouebari nach seiner Gelbsperre zurück.
Viel spannender ist aber Koschinats Gedankenspiel mit der Dreierkette. Er hat drei gestandene Innenverteidiger im Kader, die das System kennen. Damit wäre die Mannschaft defensiver und kompromissloser aufgestellt. Sein Plan ist leicht zu verstehen und schwer umzusetzen: Leipzig auf das eigene Niveau herunterziehen, jeden Zweikampf zäh machen, keine freien Räume anbieten und RB so den Spaß am Spiel nehmen. Die Hafenstraße soll dabei der zwölfte Mann sein.
Das kann funktionieren, zumindest eine Weile. Wer Leipzig die Räume zwischen den Linien zustellt, nimmt ihnen ihr liebstes Spielzeug weg. Nur darf eine Fünferkette, die ständig gegen Nusa und Romulo verteidigen muss, sich über neunzig Minuten keinen einzigen falschen Schritt erlauben. Und genau da wird ein ausgedünnter Kader ab der 70. Minute zum Problem.
Leipzigs wunder Punkt liegt auf der Autobahn
Jetzt zum Teil, der Essen-Fans Hoffnung macht. RB ist Bundesliga-Fünfter, hat am Wochenende Elversberg mit 4:0 abgefertigt und kommt mit breiter Brust. In der Liga hat Leipzig aber alle drei Auswärtsspiele verloren, in Bremen, in Leverkusen und in München. Dazu kommt das 1:4 gegen Real Madrid in der Champions League. Insgesamt holte RB aus den letzten fünf Pflichtspielen 9 Punkte, bei 13:10 Toren. Zehn Gegentore in fünf Spielen sind nicht gerade eine Festung.
Auch Leipzig fehlt Personal. Christopher Nkunku hat weiter Adduktorenprobleme und fährt gar nicht erst mit, Maxime Estève bleibt zur Vorsicht ebenfalls zu Hause, Guiu und Ouedraogo fehlen auch. Ins Tor stellt Martín Demichelis wie schon gegen Elversberg Ørjan Nyland. Das hatte er nach eigener Aussage schon vor Wochen so geplant, Maarten Vandevoordt bleibt die Nummer eins. Demichelis erwartet ein sehr schwieriges Spiel und fordert von seiner Mannschaft einen intelligenten Auftritt. Das ist der übliche Pokalsatz, den jeder Favorit sagt, bevor er dann meistens gewinnt.
Ein kleines Detail sagt viel über die Stimmung bei RB: In Leipzig wurden für dieses Spiel nur rund 500 Karten verkauft. Die Gäste bekommen deshalb nur einen Block, den Stehplatzbereich daneben übernehmen Essener Fans. Atmosphärisch ist das also ein Heimspiel hoch zehn. Am Wochenende muss RB übrigens gleich wieder ins Ruhrgebiet, nach Gelsenkirchen.
Meine These: Diese Auswärtsschwäche ist echt, aber sie wird hier überschätzt. In Bremen, Leverkusen und München hast du Bundesliga-Gegner mit Bundesliga-Tempo vor dir. In Essen triffst du auf eine Mannschaft, die im Sturm gerade improvisieren muss. Das ist ein großer Unterschied.
Woher sollen die Essener Tore kommen?
Hier wird es für RWE richtig unbequem. Die Prorakel-Engine erwartet 0,9 zu 2,7 Tore, und schon die 0,9 auf Essener Seite sind fast großzügig, wenn du dir den Kader ansiehst. Ohne gelernten Neuner fehlt einer, der vorne Bälle festmacht, Kopfballduelle gewinnt und die Abwehr nach hinten drückt. Bleiben Standards, zweite Bälle und vielleicht ein Flatterball, mit dem Nyland nicht rechnet. Pokal eben.
Auf der anderen Seite sind 2,7 erwartete Leipziger Tore eine deutliche Hausnummer. Dazu passt die Tore-Einschätzung: Die Wahrscheinlichkeit für über 1,5 Tore liegt bei 88 Prozent. Ein torloses Abwehrwunder, bei dem Essen sich ins Elfmeterschießen rettet, gibt die Datenlage praktisch nicht her. Wenn hier etwas passiert, dann eher ein Spiel, in dem Leipzig ein, zwei Mal die Lücke in einer müden Kette findet.
Die 13 Prozent, die man nicht wegwischen sollte
Natürlich gibt es dieses Restrisiko. 13 Prozent Remis bedeuten im K.o.-Spiel Verlängerung, und in einer Verlängerung an der Hafenstraße kann alles passieren, vor allem, wenn Essen bis dahin nichts kassiert hat und das Stadion kocht. Dazu kommen 8 Prozent für einen Essener Sieg in der regulären Spielzeit. Unmöglich ist das nicht, nur unwahrscheinlich.
Für die Prorakel-Engine spricht ausgerechnet ihr Pokal-Gedächtnis. Über alle Wettbewerbe trifft sie 54 Prozent der Tendenzen, im DFB-Pokal sind es 72 Prozent, allerdings bei bislang nur 32 ausgewerteten Spielen. Die Stichprobe ist klein, die Richtung aber klar: In diesem Wettbewerb setzen sich die Favoriten öfter durch, als es die vielen Pokalmythen vermuten lassen.
Die Stärkste Ansage der Engine lautet deshalb Sieg RB Leipzig (78 %), und die Ergebnis-Prognose 0:2 passt dazu. Ein Leipziger Sieg ohne Glanz, gegen einen Gegner, der sich wehrt, aber vorne die Schärfe nicht hat. Wer in seiner Tipprunde auf das große Pokalwunder hofft, darf das gerne tun. Er sollte nur wissen, dass ihm die Zahlen dabei nicht helfen.
Kann eine Hafenstraße allein einen Mittelstürmer ersetzen? Ich glaube nicht, aber ich lasse mich an diesem Abend gerne vom Gegenteil überzeugen. Wie immer gilt: Auch ein Orakel kennt seine Grenzen.
Die Prognose zu dieser Partie im Detail
Wahrscheinlichkeiten, Formkurven und die stärkste Ansage — direkt auf der Spielkarte der Prorakel-Engine.