DFB-Pokal · 28. Oktober 2026
Holstein Kiel gegen Hoffenheim: Kramarić gegen die Remis-Festung
Andrej Kramarić ist 35, musste im Sommer unters Messer und hat sich wochenlang zurückgekämpft. Am Sonntag gegen Leverkusen kam er von der Bank, schnappte sich den Ball zum Foulelfmeter und knackte ein Spiel, das bis dahin verdächtig nach Nullnummer roch. Genau dieser Mann reist jetzt an die Förde. Und in Kiel sollten sie sich warm anziehen – nicht nur wegen des Windes.
Klar, die Störche sind zu Hause in der Liga noch ungeschlagen. Klingt nach Festung. Ganz ehrlich: Es ist eine Festung aus Unentschieden, denn der erste Ligasieg der Saison kam erst am vergangenen Sonntag. Und ein Remis bringt dir im Pokal exakt eine Sache ein – Verlängerung. Die Prorakel-Engine sieht die TSG Hoffenheim mit 65 Prozent vorn, Kiel kommt auf 16, ein Unentschieden nach 90 Minuten auf 19. Die Ergebnis-Prognose lautet 1:2. Die Datenlage ist klar, und ich gehe da ohne Bauchschmerzen mit.
Sieben Pleiten, dann drei Ausrufezeichen
Wer Hoffenheim vor einem Monat abgeschrieben hat, war nicht allein. Nach dem lockeren 4:0 in der ersten Pokalrunde in Aue setzte es sieben Niederlagen in acht Pflichtspielen – für ein Team, das unter Christian Ilzer eigentlich oben anklopfen will, ein Herbst zum Vergessen. Dann drehte sich der Wind: 2:1 gegen Gladbach, 3:0 gegen Olympique Lyon in der Europa League, 3:0 gegen Leverkusen. Neun Punkte aus den letzten fünf Pflichtspielen, 12:7 Tore. So sieht ein Klub aus, der sich gerade selbst wiedergefunden hat.
Ein kleiner Einwand sei erlaubt. Gegen Leverkusen war das kein Sturmlauf, sondern ein später Arbeitssieg in einer lange ausgeglichenen Partie – alle drei Buden fielen ab der 79. Minute. Man kann das als Schwäche lesen. Ich lese es anders: Diese Mannschaft hat wieder den Nerv, ein zähes Spiel auszusitzen, bis der Gegner auseinanderfällt. Genau das brauchst du an einem Mittwochabend im Holstein-Stadion.
Und dann war da noch Alexander Prass. Der Österreicher trifft zum 2:0, reißt sich vor Freude das Trikot vom Leib und vergisst dabei, dass er schon Gelb hatte. Ampelkarte, Kopfschütteln bei den Kollegen, Kramarić kündigte augenzwinkernd eine Geldstrafe an. Die gute Nachricht für die TSG: Die Sperre gilt nur in der Bundesliga. Im Pokal darf Prass ran.
Neun Anläufe bis zum ersten Dreier
Jetzt zu den Störchen, und da muss man fair sein. Kiel war bis Sonntag Tabellenletzter der 2. Bundesliga, Trainer Tim Walter stand ordentlich unter Druck. Dann das 3:0 gegen Dynamo Dresden im neunten Anlauf, Sprung auf Rang 13 und ein Torwart als Matchwinner: Timon Weiner hielt einen Elfmeter, Giorgi Kvilitaia traf in seinem ersten Startelf-Spiel, Joker Jonas Therkelsen legte nach. Der Haken an der Sache? Sechs Teams stehen unten punktgleich bei acht Zählern. Ein Sieg, und die Welt sieht freundlicher aus – mehr aber auch nicht.
Spannend finde ich, wie Kiel gewonnen hat. Ausgerechnet ein Walter-Team, sonst berüchtigt für Ballbesitz bis zur Selbstaufgabe, überließ Dresden den Ball und war trotzdem gefährlicher. Ilzer hat das auch gesehen: Kiel sei zuletzt etwas weg vom reinen Ballbesitzfußball, man müsse im Pressing extrem präzise sein, sonst kommen die Störche zu Chancen. Das ist mehr als höfliches Trainergerede. Ein Kiel, das tief steht und auf Umschaltmomente lauert, ist für einen Bundesligisten unangenehmer als eines, das hinten heraus kombinieren will.
Nur: Die Ausbeute vorne bleibt dünn. Fünf Punkte aus den letzten fünf Pflichtspielen, 4:3 Tore. Hinten steht das ordentlich, vorne fehlt die Wucht. In der ersten Runde reichte es zum 2:0 bei 1860 München – gegen Hoffenheim wirst du mit so wenig Ertrag im Angriff nicht weit kommen.
Philipp im Kasten, Fragezeichen im Sturm
Ilzer setzt im Tor erneut auf Luca Philipp, Oliver Baumann sitzt zunächst draußen – wie schon in Aue. Bitterer ist die Lage weiter vorne: Max Moerstedt, Torschütze zum 3:0 gegen Leverkusen, wird nach seinem heftigen Kopf-an-Kopf-Zusammenprall mit Loïc Badé höchstwahrscheinlich fehlen. Hinter Tim Lemperle steht wegen Oberschenkelproblemen ein Fragezeichen, Nathan De Cat, Albian Hajdari und Patrick Wimmer fallen verletzt aus. Ob rotiert wird, ließ der Österreicher offen.
Bei Kiel fehlen Steven Skrzybski mit muskulären Problemen und Sebastian Schonlau. Letzteres tut richtig weh: Der Innenverteidiger hatte sich gerade erst nach drei Monaten zurückgemeldet und sich beim 0:0 gegen Spitzenreiter Hertha prompt wieder verletzt. Dazu kommen die Langzeitverletzten, unter anderem Lasse Rosenboom und Frederik Roslyng.
Die Geschichte? Spricht komplett gegen den Gastgeber. Drei Pflichtspiele, drei Hoffenheimer Siege, darunter ein 5:1 in der zweiten Pokalrunde 2021 und beide Duelle in Kiels einziger Bundesliga-Saison. Sogar in der Vorbereitung hatte die TSG die Nase vorn. Kleine Ironie am Rande: Hoffenheim ist im Pokal noch nie über das Viertelfinale hinausgekommen. Kiel dagegen weiß seit dem Halbfinale 2021, wie sich ein Pokalwunder anfühlt.
Warum das 1:2 ehrlicher ist als ein 0:3
Die Prorakel-Engine erwartet 1,1 zu 2,4 Tore. Das ist deutlich, aber kein Durchmarsch – und genau deshalb steht da 1:2 und nicht 0:3. Die stärkste Ansage des Abends lautet: Beide Teams treffen (62 %). Über 2,5 Tore liegen bei 67 Prozent. Die Engine traut Kiel also ein Tor zu, obwohl die Störche zuletzt vorne kaum etwas zustande brachten. Logisch ist das trotzdem: Ein Bundesligist ohne Moerstedt und womöglich ohne Lemperle muss nach vorne spielen, und dann öffnen sich hinten Räume, die ein mutiger Zweitligist im eigenen Stadion bespielen kann.
Bei der Stärke sind die Verhältnisse sortiert: 1588 zu 1475 in der Einstufung, dazu ein Gegner im Aufwind. Im DFB-Pokal hat die Prorakel-Engine 72 Prozent ihrer Tendenzen getroffen (n=40), über alle Wettbewerbe hinweg sind es 54 Prozent. Pokal ist eben doch berechenbarer, als die Romantiker glauben wollen.
Meine These: Kiel wird diesem Abend die Stimmung geben, Hoffenheim das Ergebnis. Die Störche werden ihr Tor kriegen, vielleicht sogar zuerst – aber über 90 Minuten fehlt ihnen vorne die Qualität, um eine TSG zu stoppen, die gerade wieder weiß, wie sich Siegen anfühlt. Wer seine Tipprunde im Büro bestückt, sollte das 1:2 nicht für langweilig halten. Es ist das wahrscheinlichste Szenario.
Bleibt die Frage, die an diesem Abend alles entscheidet: Hat Tim Walter den Mut, sein Team so abwartend auftreten zu lassen wie gegen Dresden – oder fällt er im Rausch des Flutlichts zurück in alte Ballbesitz-Muster, auf die ein Kramarić nur wartet?
Wie immer gilt: Auch ein Orakel kennt seine Grenzen.
Die Prognose zu dieser Partie im Detail
Wahrscheinlichkeiten, Formkurven und die stärkste Ansage — direkt auf der Spielkarte der Prorakel-Engine.