Saison 26/27

Serie A · 29. Oktober 2026

AC Florenz gegen Atalanta: Sarri kommt heim – mit halbem Lazarett

Am Donnerstagabend kommt Maurizio Sarri nach Hause. Er ist Florentiner aus Figline, hat aber nie für die Viola gearbeitet. Ausgerechnet jetzt, wo es in Bergamo ungemütlich wird, muss er mit einem Kader ins Franchi, der mehr nach Reha-Zentrum aussieht als nach Europapokal-Teilnehmer. Ganz ehrlich: Wenn die Fiorentina jemals gegen Atalanta zuschlagen wollte, dann an diesem Abend.

Die Prorakel-Engine sieht das ähnlich, aber leiser, als dir lieb sein dürfte. 41 Prozent für Florenz, 32 für Atalanta, und dazwischen liegt ein Remis mit 27 Prozent. Die Einstufung lautet OFFEN, die Tendenz liegt nur 13 Prozentpunkte vor dem Unentschieden. Das 2:1 für die Viola ist das wahrscheinlichste Ergebnis, aber eben nur eins unter mehreren, die fast gleichauf liegen. Ein 1:1 ist hier mindestens genauso denkbar. Wer in seiner Tipprunde einen klaren Heimsieg einträgt, braucht starke Nerven.

Ein Lazarett auf Reisen

Fangen wir bei den Gästen an, denn da liegt die eigentliche Geschichte. Wirf einen Blick auf die Liste der Abwesenden und du fragst dich, wer in Bergamo eigentlich noch trainiert. Im Kader für Florenz fehlen Bellanova, Hien, Kessie, Kolasinac, Kossounou, Pompei, Raspadori und Scamacca. Das ist kein Kader mit ein paar Lücken, das ist eine halbe Mannschaft.

Isak Hien ist schon länger raus. Der Schwede hat sich bei der Partie Japan gegen Schweden verletzt, also bei der WM, wurde danach operiert und will im November wieder dabei sein. Dazu kam am Wochenende Raoul Bellanova: Der Außenspieler ging zu Boden und bat sofort um seine Auswechslung, Diagnose offen. Im Sturm wird es richtig dünn. Weil Raspadori und Scamacca fehlen, bleibt Krstovic als einziger echter Mittelstürmer, und er hat in den letzten beiden Spielen getroffen. Immerhin kommt er gut drauf. Wenn er aber nach einer Stunde platt ist, hat Sarri vorne kaum Alternativen.

Kleiner Lichtblick: Atalanta kann in Florenz wieder auf Kamaldeen Sulemana und Giorgio Scalvini zurückgreifen, die beide lange gefehlt haben. Bei Sulemana ist es die erste Nominierung für ein Pflichtspiel in dieser Saison. Wie viel Spielpraxis er hat, kannst du dir ausmalen. Sarri selbst sieht die beiden eher für Kurzeinsätze.

Sarri und die Sache mit den Abläufen

Warum wiegt das bei Atalanta so schwer? Weil Sarri gerade etwas umbaut, das über Jahre gewachsen ist. Nach vielen Jahren mit Dreierkette steht unter ihm eine Viererkette, also ein komplett anderes Grundgerüst. Sarri-Fußball lebt von Abläufen, die man sich über Wochen einschleift: wer wann rausrückt, wer den Sechser-Raum zumacht, wann die Kette hochschiebt. Wenn dir dauernd die Leute wegbrechen, ist das, als würdest du ein Möbelstück aus dem Möbelhaus aufbauen und jede Woche fehlen andere Schrauben.

Das zeigen auch die Ergebnisse. Sieben Punkte aus den letzten fünf Pflichtspielen klingt erst mal nach Mittelmaß. 12:11 Tore klingt dagegen nach einer Abwehr, die mehr verwaltet als verteidigt. Am Wochenende gab es ein wildes 4:4 gegen Frosinone, kurz davor eine Niederlage gegen Ajax. Ruhig ist es um den Trainer nicht. Die Vereinsführung hält vorerst zu Sarri, auch wegen der vielen Verletzungen, die seine tägliche Arbeit erschwert haben. Auf Dauer reicht diese Erklärung aber nicht.

Wer so verliert, ist nicht tot

Und die Fiorentina? Die steckt im Tabellenkeller, und auf dem Papier sieht ihre Form noch schlechter aus als die der Gäste: vier Punkte aus fünf Spielen, 7:8 Tore, die letzten drei Partien alle verloren. Der Saisonstart war so schlecht, dass Fabio Grosso nach drei Niederlagen in den ersten drei Ligaspielen gehen musste. Zurück kam ein alter Bekannter: Paolo Vanoli, der Trainer, der im Vorjahr den Klassenerhalt geschafft hatte.

Jetzt kommt meine These: Diese Viola ist besser als ihre Ergebnisse. Schau dir das letzte Spiel an. In Mailand war Florenz kurz davor, Inter die erste Saisonniederlage beizubringen. Bis zur 90. Minute sahen De Gea und ein toller Schuss von Jimenez nach dem großen Thema des Abends aus. Die Führung hielt bis in die Nachspielzeit. Dann glich Thuram aus, holte den Elfmeter zum 2:1 und Zielinski verwandelte eiskalt. Bitter? Klar. So eine Niederlage kann eine Mannschaft zerlegen, sie kann sie aber auch zusammenschweißen. Ich glaube eher an Letzteres, weil die Viola an diesem Abend kein Gegner war, der sich hinten nur eingemauert hat.

Und vorne gibt es Qualität, die man in dieser Tabellenregion nicht oft sieht. Mastantuono schraubte mit einem Hattrick für die Fiorentina einen Rekord von Messi nach unten. Wer so etwas kann, macht gegen eine zusammengewürfelte Abwehr den Unterschied. Personell gibt es aber auch bei Florenz Lücken: Riccardo Sottil fällt aus, und in der Innenverteidigung fehlt Pongracic. Wegen der englischen Woche gibt Vanoli vor dem Spiel keine Pressekonferenz. Er lässt also lieber die Mannschaft reden.

Fast gleich viele erwartete Tore

Jetzt der Dämpfer, bevor du dich zu sehr in die Viola verliebst. Bei den erwarteten Toren steht es laut Prorakel-Engine 1,5 zu 1,4, und knapper geht es kaum. In der reinen Stärke-Einstufung liegt sogar Atalanta vorn. Dass die Engine trotzdem Florenz als Tendenz ausgibt, spricht für den Heimvorteil und gegen die Gäste-Krankenstation. Ein Freifahrtschein ist das aber nicht.

Die stärkste Ansage der Prorakel-Engine lautet deshalb nicht „Heimsieg“, sondern AC Florenz o. Remis (68 %). Das passt zur Lage: Verlieren sollte die Viola dieses Spiel eher nicht. Ob es für drei Punkte reicht, ist eine ganz andere Frage. Bei den Toren rechnet die Engine mit Unter 3,5 Toren (67 %), also eher nicht mit einem zweiten Spektakel wie gegen Frosinone. Bei zwei Abwehrreihen, die gerade improvisieren, darfst du das gern für mutig halten. Ich halte es für plausibel, denn bei einer Mannschaft im Abstiegskampf geht der erste Gedanke ans Nicht-Verlieren, und eine Rumpftruppe auswärts denkt genauso.

Kurzer Blick auf die eigene Bilanz, weil Ehrlichkeit dazugehört: In der Serie A lag die Prorakel-Engine bisher bei 61 % ihrer Tendenzen richtig (n=88). Das ist ordentlich, aber weit weg von einer Garantie. Bei einem Spiel mit der Einstufung OFFEN sollte man das ganz besonders im Kopf behalten.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Am Ende läuft es auf eine Frage hinaus: Nutzt die Fiorentina die Gelegenheit, oder lässt sie sich wieder von der eigenen Nervosität einholen? Atalanta kommt mit einem Mittelstürmer, einer improvisierten Abwehr und einem Trainer, über dessen Zukunft bereits geredet wird. Florenz hat ein volles Franchi, einen Spieler, der Hattricks schießt, und die Wut über Mailand im Bauch. Wenn die Viola so ein Spiel nicht gewinnen kann, welches dann? Und falls doch wieder ein Remis herauskommt, wäre das bei 27 Prozent keine Sensation, sondern genau das, was die Datenlage für möglich hält.

Wie immer gilt: Auch ein Orakel kennt seine Grenzen.

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